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Als Fotograf/in bestehen in der Bilderflut

Folge 1: Gute Absichten x Schnappschussstil

Im Briefkasten eine Karte: Das Foto zeigt auf der rechten Bildhälfte einen zur Kamera schauenden Jungen, der zu nah am Objektiv steht, als dass er noch hätte scharf abgebildet sein können. Die breitere linke Hälfte des Bildes ist grüne Landschaft mit sich im Hintergrund wegbewegenden Personen.

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Ehrlich gesagt dachte ich spontan: Spendenaktion für Indio-Kinder? Doch es ist die Einladungskarte zu einer Fotoausstellung. Da hat ein junger Fotograf namens Jonas Wresch Leib und Leben riskiert, um in einem Dorf in Kolumbien zu fotografieren. Hat äußerst beeindruckende Fotos aufgenommen, dafür beim Lumix-Festival einen Preis bekommen – und wählt dann dieses Bild zum Signature Piece.

Jetzt eröffnet bald in Hamburg seine Einzelausstellung und er wählt dieses Fotos für die Einladungskarte. Beim preisgünstigen Druck im Format 10 x 15 cm gehen natürlich Details, die auf der Website noch erkennbar sind, zusätzlich verloren. Kann man mit diesem Motiv Menschen überzeugen, sich am 24. November 2016 bei wahrscheinlich kaltem Nieselregen aufzumachen, um zur Eröffnung der Ausstellung in der Hamburger Freelens Galerie zu gehen?

Dieses Bild erzeugt nicht den spontanen Gedanken an professionelle Fotografie. Es macht nicht neugierig. Es ist schlichtweg unvorteilhaft ausgewählt. In der Serie sind sechs Motive, die besser für eine Postkarte geeignet wären. Im Rahmen einer Bildstrecke ist das Foto prima, als Einladungskarte ist es keine gute Wahl. Das ist sehr schade, denn die Arbeit zeigt viel Engagement, Wagemut und Geistesgegenwart. Ich empfehle unbedingt, sich die Ausstellung anzusehen.

Wie reagieren wir auf die Bilderflut?

Auch die guten Menschen unter den Fotografen wollen letztlich von ihrer Arbeit leben können. Das heißt aber nichts anderes, als dass sie Begehrlichkeit wecken müssen. Heute, wo jeder knipst, sind Schnappschüsse alltäglich und zwar überall auf der Welt. Das Fotografieren unter schwierigen Umständen alleine macht die Bilder nicht mehr automatisch attraktiv. Die Ansprüche sind gewachsen oder man könnte auch sagen: die Reizschwelle beim Betrachter liegt viel höher als noch vor zwei, drei Jahren.

Wir alle stehen vor der Frage: Wie gehen wir mit dieser tiefgreifenden Veränderung um?
Mein Plädoyer ist, bei jeder Präsentation der eigenen Arbeiten sorgfältig zwei Aspekte zu bedenken:

  • Wen möchte ich damit ansprechen?
  • Ist die Präsentationsform | die Bildauswahl geeignet, meine besondere Qualifikation augenfällig werden zu lassen?

Ein wenig Selbstdistanz ist dafür vonnöten. Die ist aber grundsätzlich erforderlich, wenn man hofft, für seine freie | künstlerische | kreative Arbeit über die verbale Anerkennung hinaus Geld oder bezahlte Aufträge zu bekommen.

Pressemitteilung gestern aus meinem Posteingang: Eine Neuerscheinung aus dem Verlag HatjeCantz: Hadley Hudson. Persona. Models at Home.

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Hadley Hudson. Persona, Models at Home, Text von Michael Gross, Englisch, 2016. 128 Seiten, 84 Abb., 29,00 x 22,00 cm, gebunden 40 Euro. ISBN 978-3-7757-4246-7

Der Quick-and-Dirty-Bildstil

„Fernab von Glamour, Party, Fotostudio oder Laufsteg: Die Modefotografin Hadley Hudson fotografiert seit 2008 Models in ihren eigenen vier Wänden. Die in privaten Situationen entstandenen Porträts gewähren intime Einblicke in das Leben der Teenager und dekonstruieren die makellose Oberfläche der Modewelt. Die Publikation Persona versammelt die 80 eindringlichsten Aufnahmen dieser Werkserie nun erstmalig in einem Künstlerbuch.“

Wow, oder? „Eindringliche Aufnahmen“ von Models! „Künstlerbuch“. Und „dekonstruiert“ wird überdies. Ganz im Ernst: „Fotografiert seit 2008“ an einem Thema, das ist natürlich genau mein Ding. Da mir das Buch nicht vorliegt, schaute ich erst die Pressefotos an, dann die Website der Fotografin.

Dieser Quick-and-Dirty-Bildstil ist ja in der Modefotografie recht verbreitet. Wendet man den bei Produkten oder Modestrecken an, in denen sauteure Designerteile präsentiert werden, leuchtet es als Kontrast ein. Ein ästhetischer Bruch wird gerne angewendet, um das Bild interessant zu machen. Aber dieser „harshly-lit snapshot style“ in siffigen Teenagerbuden und vollgemüllten Hotelzimmern?
Klar, das ist jetzt Trend. Das waren Arschgeweihe aber auch mal.
„Die Publikation Persona ist der umgekehrte Blick auf die Modeindustrie und die Schattenseite der glamourösen Fassade. Persona ist die Maske, die wir für die Außenwelt tragen. Die gesamte Modeindustrie feiert dieses Versteckspiel und mein Anliegen ist es, aufzudecken, was sich hinter der Maske befindet“, erklärt Hudson ihre Intention.

© Hadley Hudson
Model apartment, 2012 | New York City © Hadley Hudson

Wenn es den Bildlook massenhaft in den sozialen Netzwerken for free gibt, ist das keine gute Voraussetzung zum Geldverdienen.

Man könnte diskutieren, in wieweit dies gelungen ist oder überhaupt gelingen kann. Aber eigentlich frage ich mich (und es interessiert mich ganz ernsthaft), wer solch ein Bilderbuch kauft. Die Mädels, die sich bei Germany‘s Next Top Model bewerben, wohl kaum, oder? Die hegen und pflegen die Illusion des Modellebens. Erwachsene hingegen sehen in der Regel diese Motive live, wenn sie mal überraschend die Tür zum Zimmer des Sohnes oder der Tochter öffnen. Wer also will die Teenagermodelwelt „dekonstruiert“ haben? Voyeure? Investigative Journalisten? Ich weiß es nicht.

Fotografinnen und Fotografen haben es nicht leicht von ihrem Job zu leben. Das trifft auf die „nobelen“ good Guys aus Hannover genauso zu wie auf ModefotografInnen, die auch kaum noch bezahlt werden. Die Umstände sind schwierig und schwer zu ändern. Was man aber ändern kann, ist die eigene Haltung!

Mein Anliegen ist, mehr Aufmerksamkeit dafür zu wecken, sich nicht (aus Unsicherheit, Naivität oder Ignoranz) unter Wert zu präsentieren. Und das fängt schon beim Fotografieren an. Wenn das Ergebnis selbst nicht vernehmlich signalisiert: „Hier war ein Fotoprofi am Werk“, dann wird es derweil nahezu unmöglich, dafür ein professionelles Honorar durchzusetzen. Man kann nicht erwarten, auf Dauer im Q&D-Schnappschusslook „im Instagram-Stil“ für gutes Geld zu arbeiten, wenn es diesen Look massenhaft umsonst gibt. So weit, dass genau geguckt wird, ob inhaltlich etwas dahinter steckt oder nicht, kommt es bei der Bilderflut meist gar nicht mehr. Das muss man (leider) heute bedenken.

(Ich werde das Thema in Kürze fortsetzen.)

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