Jetzt die Fotografie retten!

Für eine Veröffentlichung im Magazin Photonews 1/2015 habe ich meine Sorge um die Zukunft des honorierten Fotografierens formuliert. Fotografen sollten aufhören, auf Aufträge zu warten. Wer heute von der Fotografie leben will, muss selbst aktiv werden – und zwar viel mehr als noch vor zwei, drei Jahren.

Warum sollte man eine Ausdrucksform retten müssen, die doch anscheinend gerade höchste Anerkennung genießt? Weil dies nur für den Kulturbetrieb zutrifft. Von der Präsenz der Fotografie in Museen, Galerien, Auktionen, Festivals, können die aktuell Fotografierenden nur eingeschränkt profitieren. Sicher: Es gibt mehr Stipendien und Fördergelder (für unter Dreißigjährige!). Aber Preisgelder und Kunstmarktverkäufe können kaum ausgleichen, was an Einnahmen aus Bildrechten oder Magazinveröffentlichungen weg bricht.
Mit einer Zeitverzögerung von gut zehn Jahren schlägt jetzt die Veränderung des Metiers durch die Digitalisierung vor allem in der kommerziellen Fotografie zu Buche. Zu analogen Zeiten war der Kunde von der Leistung und Beurteilung der Arbeit durch den Fotografen abhängig. Es wurde so lange geshootet, bis der Fotograf der Ansicht war, man habe das „jetzt im Kasten“. Beim Tethered Shooting heute entscheidet der Kunde, wann es gut ist. Das verändert das Verhältnis Fotograf – Kunde grundsätzlich. Der Auftraggeber ist deutlich weniger abhängig vom Können des Fotografen und lässt daher vielfach den Preis entscheiden. „Kollegen“, die keine Hemmungen haben, jeden vernünftigen Honorarsatz zu unterbieten, treiben die Preisspirale in rasantem Tempo nach unten. Beim Auftraggeber wird dadurch zwangsläufig der Eindruck manifestiert, die Fotografie wäre als Dienstleistung wenig wert. Na bravo!
Fotografierende können die sich drastisch verändernden Rahmenbedingungen, die durch die digitale Gesellschaft vorgegeben werden, nicht ändern. Aber sie könnten endlich aufwachen. Erschütternd ist, wenn selbst junge Fotografinnen und Fotografen mit der Kamera noch die Vorstellung von einem lukrativen Broterwerb in Werbung, Mode oder Editorial wie im 20. Jahrhundert verbinden und mit dem Anspruch auf Erfolg imprägniert werden.

Wird die Fotografie das Radio des 21. Jahrhunderts?

Das historisch überholte, aber überwiegend praktizierte Muster im Fotografenberuf ist: Jeder hält sich für am besten und die Mappe beziehungsweise Fotos für wichtig, wartet auf Rückrufe, Lob und Aufträge. Allen Fotografen, die das Glück hatten, in einem Umfeld zur Kamera gegriffen zu haben, in dem ihre Bildbeträge noch rar und wertvoll waren, sei der Stolz auf ihr Werk gegönnt. Es jetzt noch als Idealbild an Jüngere zu vermitteln, macht denen die Nase lang nach etwas, das es in der globalen Informationsgesellschaft mit digitalen sozialen Netzwerken nie mehr geben wird. Das vermeintliche Recht, mit dem, was man gerne tun und was einem leicht fällt, gutes Geld zu verdienen, ist für immer dahin.
Besonders für alle jenseits der Vierzig ist es daher enorm wichtig, diese angestammte Anspruchshaltung zu hinterfragen – vor allem, um sich nicht selbst weiterhin unglücklich zu machen. Nicht der potenzielle Kunde muss aktiv werden, sondern der Fotograf proaktiv. Pragmatisch mit dem eigenen Bildmaterial umzugehen wäre eine professionelle Haltung. Dem mit Fotos zugeschütteten Bildkäufer/Kunden/Kurator sind die Fotografien Mittel zum Zweck. Er oder sie wird davor keine Andacht abhalten. Falls doch: Hey, super!
Die Website so umzustrukturieren, dass ein Interessent weiß, was dort speziell angeboten wird, würde zu mehr Interesse von Auftraggebern führen. Dazu muss man zunächst selbst wissen, für wenn man gerne arbeiten würde. Und da liegt auch schon die Ursache des Übels: Die meisten denken, gut zu fotografieren, reiche. Und der Kunde müsse das doch sehen, wie begabt sie seien. Schön wär’s. Man muss es selbst vermitteln.
Ist die Fotografie überhaupt noch zu retten? Oder wird die Fotografie das Radio des 21. Jahrhunderts? Ob die zeitgenössische Kamerakunst sukzessive vom bewegten Bild abgelöst wird, muss sich noch erweisen. Sicher ist im Moment, dass der Fotografenberuf auf der Kippe steht – und es Fotografinnen und Fotografen selbst bestimmen, ob sie sich schwerfällig auf der Seite der Wippe aufhalten, die nach unten kracht, oder aktiv auf der Seite positionieren, die schwungvoll nach oben geht. Glück auf!

Weiterführende Lektüre mit Lösungsvorschlägen und Praxisbeispielen: Martina Mettner, Fotopraxis mit Perspektive, Fotofeinkost Verlag, 39,80 €

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