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Tobias Zielony: Story/No Story

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Christian Petzold: „Du hast die Protagonisten deiner Bilder ja nicht in diese Posen gebracht, sie führen sie selbst an diesen Orten auf. Deine Serien erzählen auch von einem Spiel mit Fiktion, vom Wunsch, diesen aufgegebenen Orten doch noch eine Erzählung hinzuzufügen. … Während die Pose der beiden hier, die Überwachungspolizisten nachspielen, etwas ganz anderes ist. Da gibt es ein Spiel mit Identitäten, damit, sich einmal mit der anderen Seite zu identifizieren.“

Tobias Zielony: „An Polizisten habe ich bestimmt nicht gedacht als ich das Foto gemacht habe.“

Christian Petzold: „Es gibt an dem Bild ein paar Dinge, die mir gefallen. Da ist die Frau, die fährt. Der Mann ist der Beifahrer, so etwas findet man eigentlich zuerst in amerikanischen Polizeifilmen. Das amerikanische Beamtenrecht schreibt seit den siebziger Jahren eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern vor. Das heißt nicht nur gleiche Bezahlung, sondern auch jeder darf fahren. Da wurde PC-mäßig etwas durchgesetzt. … Ich glaube nicht, dass die Subkultur der Jugendlichen, die in Autos herumfahren, das selbst hervorgebracht hat.“

Dies ist ein kleiner Auszug aus dem längeren Gespräch zwischen Christian Petzold und Tobias Zielony, das in dem Buch „Story/No Story“ als einzige Textbeigabe zu finden ist. Vorausgesetzt wird dabei, dass jeder weiß, wer Christian Petzold ist: ein renommierter deutscher Filmregisseur. Er sagt Interessantes, Kluges und Erhellendes, stellt jedoch dem Fotografen kaum eine Frage, so dass man anhand des Gespräches sehr viel über Christian Petzold und ganz wenig über Tobias Zielony erfährt.

Vielleicht gibt es da auch nicht viel zu erfahren?  „Zielony wurde 1973 in Wuppertal geboren, studierte von 1998 bis 2001 Dokumentarfotografie an der University of Wales/Newport (GB) und war danach Meisterschüler bei Prof. Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. In seiner Arbeit bewegt er sich zwischen klassisch dokumentarischen und konzeptuellen Vorgehensweisen. Die Motive seiner Fotografien wie Videos sucht er oft an den Rändern unserer Gesellschaft. Seine Aufnahmen sind eine Mischung aus intimer Nähe und beobachtender Distanz.“ Das ließ die Kunsthochschule für Medien Köln verlautbaren, die Tobias Zielony im Herbst 2009 zum neuen Professor für künstlerische Fotografie berief. Bereits nach einem Semester gab er die Professur wieder auf, sie wird jetzt kommissarisch vom Fotografen Boris Becker betreut. Zielony lebt in Berlin. Vor einiger Zeit erschien ein Porträt über ihn auf Arte in der Serie „Künstler hautnah“ (ich wies darauf hin, leider nimmt Arte die Videos nach einer Woche aus dem Netz). Der Dortmunder Kunstverein bereitet gerade eine große Ausstellung mit ihm vor, die vom 19. September bis 7. November 2010 zu sehen sein wird.

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Bestimmt gibt es viele, die denken: „Boah, aber technisch …“ Ich zeige bei Vorträgen schon seit längerer Zeit Fotos von Tobias Zielony und kenne diese Einwände. Ich finde die Arbeiten spannend. Für mich gibt es zwei Gründe, warum ich Tobias Zielony für exemplarisch halte: Fotografie bedeutet immer Nähe herzustellen und Distanz zu halten. Immer. Und erst recht, wenn man Menschen fotografiert. Selten wird das so sehr offensichtlich und auch Teil des Prozesses wie bei Zielony. Er kann die Jugendlichen nur so nah nur fotografieren, wenn er sich auf sie einlässt und auch präsent ist. Aber zugleich sind sie in vielen Fotos meilenweit vom Fotografen entfernt, so als sei er nicht mal in der Nähe. Nur in der Gruppenaufnahme schwingt das Pendel sehr in Richtung Nähe aus. Da posieren sie direkt für den Akt des Fotografiertwerdens. Den weiteren Grund, warum ich ihn für so wichtig halte, nenne ich unter uns, den wird der Künstler womöglich nicht so gerne hören: Ich finde ihn inspirierend für jeden, der fotografiert. Die Jugendlichen zu fotografieren ist eine Form der Zuwendung, deshalb ist es auch nicht gefährlich, wie mancher vielleicht befürchtet. Und ich frage mich oft: Warum fotografieren alle die immer gleichen nichts sagenden Motive, anstatt sich mal damit zu befassen, wo sich die Jugendlichen im eigenen Umfeld aufhalten und mit denen ein Fotoprojekt zu starten. Das wird immer individuell und anders sein als das von Zielony. Es geht nicht darum, etwas nachzuahmen. Es geht um den Gedanken, eine imaginäre Grenze zu überschreiten und vielleicht auch den, sich selbst vom Sofa zu erheben. Es wird an Künstlern oft unterschätzt, dass sie für die Ergebnisse gearbeitet haben.

Sicherlich kann man in dem Buch „Story/No Story“ die erste Retrospektive eines zeitgenössischen Künstlers sehen und es zu den anderen Kunstbüchern ins Regal stellen. Man kann es aber auch als Ermutigung betrachten, selbst rauszugehen und Aufmerksamkeit zu schenken. Und mehr als das: Fotos!

„Meine Beobachtung ist, dass sich die Reaktion auf dieses Herausgehobenwerden in den letzten Jahren komplett verändert hat“, berichtet Tobias Zielony. „Als ich vor sieben Jahren begann, Jugendliche zu fotografieren, gab es anfangs oft Misstrauen. Nach dem Motto: Vielleicht bist du ja ein Polizist. Das ist inzwischen völlig anders. Heute denken die Jugendlichen: Vielleicht ist es ja ein Casting.“

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Tobias Zielony: Story/No Story, Hrsg. von Maik Schlüter, Museum für Photographie Braunschweig, 2010, deutsch/engl., 216 S. 140 Abb., Paperback mit Schutzumschlag, 24,5×31,5 cm, ISBN 978-3-7757-2284-1, 39,80 Euro.