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Taco Anema: 100 holländische Haushalte

Haushalt Bounou, Amsterdam, 2008

Was ist ein Haushalt? Menschen, die unter einer gemeinsamen Adresse zusammenleben. Und wo findet man diese? Nebenan. Und dann den Nachbarn von den Nachbarn. So hat der niederländische Fotograf Taco Anema (Jahrgang 1950) angefangen, 100 Haushalte zu fotografieren. Es ist so nahe liegend. Und ein so schlichtes Thema – und doch ist es alles andere als selbstverständlich, dass solche Projekte so souverän umgesetzt werden. Dabei sieht man anhand des Bildbandes wie Taco Anema anfangs noch suchte. Da gibt es ein frühes Foto (2002), das ganz stark von den Brown-Sisters von Nicholas Nixon beeinflußt ist. Und Tina Barneys Familienfotos hat er ebenfalls rezipiert. Es ist charmant, dass uns der Künstler an der Entwicklung seines Projektes auf diese Weise teilhaben lässt. Und dann wird es sehr niederländisch! Das große Tableau, das einfallende Licht: eine Referenz an die flämische Malerei, die diese Arbeit zu etwas Besonderem macht. Denn die Familien sind zugleich frisch und modern, manchmal geradezu kühl, ins Bild gesetzt und wie Stillleben arrangiert. Speziell die letzten Motive von 2008 sind im positiven Sinne eigenartig und klug inszeniert. So hat sich der Künstler oben selbst verewigt, im Spiegel ist er mit der Großbildkamera zu sehen.

Taco_Anema_ Zijp_2006

Da auf den meisten der 100 Fotos tatsächlich mehr als zwei Personen abgebildet sind, ist auch dieses zweite Motiv des betagten Ehepaares mit vielen Kindern und Enkeln von 2006 sicherlich nicht repräsentativ, aber besonders eindrücklich und, pardon, holländisch!  (Zumindest, was das Arrangement angeht.) Rechts angeschnitten ein Kunstblatt, das mit dem Blick der Frau aus dem Fenster sein Pendant findet. Bei den beiden Herrschaften ist alles schon einmal getan. Und alles schon gesagt oder wird immer ungesagt bleiben. Die Küchenaccessoires sind aus den Siebzigern. Und zugleich strahlt das Motiv Frische und Lebensbejahung aus.  Das muss erst einmal hinbekommen, wer als Fotograf mit Stativ und Kamera in die Küche oder die Wohnstube fremder Leute einfällt!

Taco Anema: Alberts + Bongenaar, 2008

Dieses Motiv von 2008 zeigt erneut, wie präzise Taco Anema die Bildränder fasst. Der unbelebte Vordergrund zwingt den Betrachter, mit den Augen im Motiv umherzuwandern, und sich Gedanken darüber zu machen, wie und warum die Familienmitglieder sich jeweils voneinander abwenden. Ein wenig erinnert es an Familienstellungen nach Hellinger, wobei hier vermutlich der Fotograf aufstellt, und das Motiv womöglich mehr über ihn sagt, als über die Abgebildeten. Damit hätte Taco Anema die dokumentarische zugunsten einer künstlerischen Arbeitsweise verlassen. Deshalb ist dieses Projekt auch so überzeugend – weil es das Soziologische mit dem Künstlerischen vereint und unsere Neugier ebenso befriedigt wie unseren Sinn für Ästhetik. Und weil es 100 Überraschungen liefert! Die kann man noch bis zum 28. Mai im Huis Marseille in Amsterdam besichtigen. Und Familien, die am ersten April-Wochenende die Ausstellung besuchen, werden sogar von Taco Anema fotografiert.  Der weiteste Weg lohnt! Mehr Fotos und Infos auf Taco Anemas Webseite: www.tacoanema.nl Das Katalogbuch ist zum Preis von 24,50 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978 90 78909 15 6).

For English speaking readers: Please refer to  the exhibition press release.